Katja Grawinkel-Claassen: ZUR UNTERMIETE – Ortsspezifisches Theater im Internet

Ein ‚soziales Netzwerk’ verhält sich zum Internet wie ein Theaterhaus zur Stadt – nur dass es kein Haus gibt und keine Stadt.

Arne Vogelgesang in Lernen aus dem Lockdown? Nachdenken über Freies Theater

 

Um die rasanten, technologischen und sozialen Prozesse, die als digital zusammengefasst werden, auch nur ansatzweise zu begreifen, benötigen wir Metaphern. Auch wenn schon lange nicht mehr vom Cyberspace und nur noch selten von Neuland gesprochen wird, so hilft es doch enorm, sich das Internet als einen Raum vorzustellen. Chatrooms, virtuelle Besprechungsräume und Open Worlds – das klingt nach Orientierung und nach Begegnung. Auch wenn diese Begegnung immer noch häufig als das Gegenteil von real vorgestellt wird. „Treffen wir uns digital oder in echt?“ – Wie oft haben wir diesen Satz in pandemischen Zeiten gehört und verwendet?

 

Auch für das Theater ist der Raum, in dem es stattfindet, eine zentrale Beschreibungsgröße. Das räumliche Verhältnis zwischen den Akteur*innen eines Theaterabends spielt eine entscheidende Rolle für die Wahrnehmung desselben. Mehr noch: „Die Raumkonfigurationen, in welchen hervorgehobene Vorgänge sich abspielen, bestimmen (…) mit, was unter Theater verstanden wird.“ (Martin Bieri, Neues Landschaftstheater. Landschaft und Kunst in den Produktionen von „Schauplatz International“, Bielefeld 2012) Wenn man Raum nicht als architektonischen Container für Aktionen oder Gegenstände versteht, sondern im Sinne von Michel de Certeau als einen „Ort, mit dem man etwas macht“ (Michel de Certeau, Kunst des Handelns, übers. v. Ronald Vouillé, Berlin 1988), dann erschließt sich schnell, warum diese Kategorie sowohl für das Theater als auch für digitale Kommunikation so bedeutsam ist. Der Raum entsteht demnach aus Bewegung und Aktion, aus Beziehungen, Nutzung und Nachbarschaften. Räume werden zwar auch von festen Strukturen geprägt, aber ihre Benutzer*innen können sich den Raum durch das eigene Handeln aneignen und seine Regeln bis zu einem gewissen Punkt verhandeln. Zum Beispiel auf der Bühne: Hier werden im Spiel immer wieder neue Räume erschaffen.

 

Allerdings sind Theaterräume natürlich nicht leer oder neutral, sondern sehr spezifisch gebaut. Die Beziehungen, die in ihnen möglich sind, sind von der Architektur vorgegeben und technisch gerahmt. Ortsspezifisches Theater entscheidet sich gezielt gegen den Theaterraum und schlägt seine Bühne woanders auf. Das kann im Stadtraum sein, in einem privaten Wohnzimmer, in einer Fabrik oder auf einem Schiff.

 

An solchen Orten sind die Beziehungen zwischen den Menschen anders als im Theater, die Blicke werden anders gelenkt. Der Ort bringt bestimmte Elemente und Funktionen mit, zu denen sich das Spiel der Performenden ins Verhältnis setzt. All das einzubeziehen, wird mitbestimmen, welches Theater hier möglich ist und was an diesem Ort unter Theater verstanden wird.

 

Vielleicht sollten wir uns Theater im Internet als eine Form des ortsspezifischen Theaters vorstellen. Clara Ehrenwert von der Gruppe machina eX erläutert, wie sie mit digitalen Theater-Games „einen schon existierenden Raum (…) bespielen, in den wir zur Untermiete einziehen“ (Clara Ehrenwerth, „Welche Charakteristika weisen Gaming, Spiel und Theater im Netz auf und wie kann Online-Theater auch zugleich interaktives Theater sein?“, Vortrag beim Virtuellen Theatertreffen 2020 ). In diesem Fall handelt es sich um den Messenger-Dienst Telegram. Auf ähnliche Weise haben The Agency für BOYS SPACE den Gaming-Chat Discord und internil für Es ist zu spät die Videoplattform Youtube bespielt: Indem sie einen online existierenden Raum auswählen, seine Regeln analysieren und die Communities imaginieren, die an diesen Orten zu Hause sind. Auf diese muss dann die Performance eingehen, mit ihnen kann sie spielen, ihnen kann sie vielleicht sogar mit künstlerischen Mitteln neue Handlungsoptionen hinzufügen.

 

Man kann hier auch von virtuellen Räumen sprechen. Gemeint ist aber nicht, dass neue Welten erschaffen werden, wie es die Virtual Reality verspricht. Eine Bedeutung des Wortes virtuell ist schlicht und ergreifend: möglich. Virtuelle Räume – das Theater ist in diesem Sinne selbst einer – bieten bestimmte Möglichkeiten und verwehren andere. Es ist die Aufgabe der Kunst, diese Möglichkeiten auszureizen.


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KATJA GRAWINKEL-CLAASSEN ist Dramaturgin am FFT Düsseldorf und dort gemeinsam mit Irina-Simona Bârcă verantwortlich für den Schwerpunkt Das Theater der Digital Natives. Sie arbeitete als freie Journalistin und mit der Gruppe Schauplatz International. Aktuelle Veröffentlichung mit Kathrin Tiedemann und Irina-Simona Bârcă: Das Theater der Digital Natives. Beobachtungen und Erkundungen am FFT Düsseldorf (2020).