kainkollektiv im Interview

17.04.2020


Für April waren im FFT Produktionen geplant, die verschiedene, teils vergessene oder unterdrückte Erfahrungen zur Sprache bringen und Geschichte neu schreiben wollten. Die Corona-Krise macht das umso dringlicher: „Every voice matters“.

 

Wir haben mit Mirjam Schmuck und Fabian Lettow von kainkollektiv gesprochen, die ihre internationale Koproduktion Est-ce un humain? / Ist das ein Mensch? mit dem FFT und anderen Partner*innen abbrechen mussten, die am 27.3. Premiere im Ringlokschuppen Ruhr haben sollte.


Welche Stationen hatte Eure Produktion bereits durchlaufen, bevor Ihr zu den Proben nach Mülheim gekommen seid?

 Das Projekt startete im Herbst 2018 mit einem großen Workshop in Douala und Yaoundé in Kamerun im Kontext des Straßentheater-Festivals MODAPERF – ein Festival, das unser Kollege, Freund und Kooperationspartner, der kamerunische Tänzer und Choreograph Zora Snake, vor drei Jahren erfunden und gegründet hat. Das war eine ganz tolle Festival-Erfahrung: Performances zum (post-)kolonialen Erbe aus Kamerun, Kongo, Frankreich neben Queer Performances mitten auf den Straßen von Yaoundé, wo offen gezeigte Homosexualität ins Gefängnis führen kann, neben einem riesigen öffentlichen HipHop Battle mit hunderten jungen Tänzer*innen unter der Leitung einer Tänzerin als Jury-Präsidentin in dieser so Männer betonten Szene. Da hat Snake einfach alle Kategorien von Gender, Race und Öffentlichkeit vs. Intimität durcheinandergewirbelt und ein politisches Fest in den Straßen von Kamerun veranstaltet, das war wirklich ziemlich atemberaubend. Und in diesem Kontext begann unsere Recherche, indem wir ebenfalls auf die Straße rausgegangen sind, um unsere Frage „Ist das ein Mensch?“ in aus afrofuturistischen Visionen inspirierten Kostümen unter die Leute zu tragen. Die theatrale Suche als soziale Intervention, und umgekehrt.

 

An diese Erfahrung haben wir 2019 in unserer zweiten Etappe angeknüpft, als wir uns alle in Antananarivo, der Hauptstadt von Madagaskar, wiedergetroffen haben. In diesem für uns alle völlig neuen Land, in das uns unser Kooperationspartner Njara Rasolomanana eingeladen hat, der in Madagaskar ebenfalls ein Tanz-Festival – das BATTLE4PEACE Festival – gegründet hat, sind wir erneut in die Wirklichkeit raus: in Vororte, auf den Treppenmarkt im Zentrum, auf ein HipHop Battle im Kontext des Festivals in einer Halle und auf eines draußen vor dem Nationalstadion von Madagaskar. Die Neugier, Herzlichkeit und Unvoreingenommenheit, mit der uns die Leute bei unseren Tryouts begegnet sind, haben uns nachhaltig beeindruckt.

 

Und dann jetzt Mülheim im ausgehenden Winter und unter dem Eindruck der täglich sich weiter zuspitzenden Corona-Krise, das war eine echte Herausforderung für alle …!

 

„Inspiriert von der fantastischen Konzert-Dokumentation „Homecoming“ von Beyoncé geht es uns um eine Art „Heimkehr“ zum Planeten Erde für all jene – DIE VIELEN –, die dort angesichts von Rassismus und Ausgrenzung keinen Platz gefunden haben.“

 

An welchem Punkt musstet Ihr die Arbeit aufgrund der Corona-Pandemie abbrechen?

Wir standen mit der Arbeit zwei Wochen vor der Premiere, die am 27. März im Ringlokschuppen Ruhr in Mülheim hätte stattfinden sollen, um von dort auf Tour nach Hamburg, Berlin und Düsseldorf zu gehen. Ein Team von insgesamt 23 Personen aus 5 verschiedenen Ländern ist da zusammengekommen, um mit uns eine Performance zwischen den beschriebenen Straßentheater-Erfahrungen, Urban Street Dance und einer von uns so genannten Weltraum-Oper zu kreieren. Ein großes Ritual für und mit Zuschauer*innen, das sehr stark von Positionen des Afrofuturismus inspiriert ist. Der afroamerikanische Jazzmusiker Sun Ra zum Beispiel hat Zeit seines Lebens behauptet, dass er nicht von der Erde, sondern vom Saturn stammen und irgendwann auch dorthin zurückkehren würde. Eine Art Selbstermächtigungsgeste angesichts der Entfremdung und Ortlosigkeit auf dem Planeten Erde, die viele Nachfahren der Generationen von Sklav*innen und Kolonisierten erfahren haben. In unserer Performance wollen wir diese Perspektive noch einmal umdrehen. Inspiriert von der fantastischen Konzert-Dokumentation „Homecoming“ von Beyoncé geht es uns um eine Art „Heimkehr“ zum Planeten Erde für all jene – DIE VIELEN –, die dort angesichts von Rassismus und Ausgrenzung keinen Platz gefunden haben. Ein Ritual für (zukünftige) Erdenbürger*innen, eine die Grenzen und Genres querende Performance von und für Terranaut*innen.

 

Worauf bezieht sich die Fragestellung Eurer Inszenierung „Ist das ein Mensch“?

Sie bezieht sich auf all jene Erfahrungen des Ausgeschlossenseins, die sich seit so langer Zeit und bis in unseren eigenen Alltag – im sogenannten Zeitalter des Anthropozäns – hinein an Körpern vollziehen, denen direkt oder indirekt das Menschsein im Spannungsfeld aus individueller Freiheit und Zugehörigkeit zur Gattung Mensch abgesprochen wird. Solche Erfahrungen sind von jeder/m in unserem Team auf die eine oder andere Weise gemacht worden: als Schwarze, Frauen, Schwule, Behinderte, Künstler*innen. Der kamerunische Philosoph und Historiker Achille Mbembe hat in seinem für uns sehr wichtigen Text „Kritik der Schwarzen Vernunft“ konstatiert: „Denn tatsächlich gibt es nur eine Welt. Sie ist ein Ganzes, das aus zahllosen Teilen besteht. Aus aller Welt. Aus allen Welten. Unter diesen Umständen ist es ganz vergeblich, Grenzen zu ziehen, Mauern und Einfriedungen zu bauen, zu zergliedern, zu klassifizieren, zu hierarchisieren oder solche von der Menschheit auszugrenzen, die man abwerten möchte, die man verachtet, die uns nicht ähnlich sind oder mit denen wir uns, wie wir meinen, niemals verstehen werden. Es gibt nur eine Welt, und auf die haben wir alle ein Anrecht. Diese Welt gehört uns allen gleichermaßen, und wir alle sind ihre Miterben, auch wenn wir nicht in derselben Weise darin leben.“

 

„Das ist total paradox, dass jetzt die soziale Distanz, quasi das Ent-Sozialisieren als das neue Soziale aufgefasst wird. Sich nicht mehr treffen, ist plötzlich eine Geste der Solidarität – mit den Älteren und Schwachen, den Mediziner*innen usw.“

 

Die Frage, was den Menschen zum Menschen macht, erhält in der aktuellen Situation eine ungeahnte Dringlichkeit. Was sind Eure Empfindungen und Gedanken zu den Maßnahmen, mit denen derzeit die Ausbreitung des Virus bekämpft wird: Social Distancing, das Schließen von Grenzen und die Stilllegung des öffentlichen Lebens?

Das ist total paradox, dass jetzt die soziale Distanz, quasi das Ent-Sozialisieren als das neue Soziale aufgefasst wird. Sich nicht mehr treffen, ist plötzlich eine Geste der Solidarität – mit den Älteren und Schwachen, den Mediziner*innen usw. Das kann man sich kaum ausdenken, das wirbelt alle Kategorien durcheinander. Und gleichzeitig sind die Grenzen von Staaten, Ländern, zuweilen innerhalb von Ländern über Nacht derart manifest, wie wir es uns nicht hätten ausmalen können. Und vor den Toren der Festung geht das Sterben genauso weiter – siehe Griechenland, das Mittelmeer –, wie es im Innern ihrer Mauern plötzlich um sich greift. Ich glaube, da schlägt jetzt die ganze Globalisierungserfindung so zurück, wie sich das niemand außerhalb von Science-Fiction-Filmen hätte ausdenken mögen. Das ist wirklich ein Test auf alles – als wenn Corona uns den Spiegel vorhält, während wir ihren großen Bruder, den Klimawandel, immer noch wie ein unwirkliches Gespenst behandelt haben. Corona erscheint mir wie ein kleiner Vorbote von dem, was noch auf uns zukommen wird. Und plötzlich ist das Undenkbare nicht nur denkbar, sondern es passiert in Echtzeit: Autofabriken setzen ihre Produktion aus. Die Fußball-Europameisterschaft, die Olympischen Spiele, der internationale Flugverkehr – alles abgesagt, verschoben, eingestellt. Und während wir in unseren Wohnungen scheinbar eingesperrt sitzen und alle über die Zumutbarkeit der Beschneidung von individuellen Freiheiten spekulieren, erscheint plötzlich jene Form von Freiheit wieder aus ihrer Versenkung, mit der die Kunst – diese „nicht notwendige, System irrelevante Tätigkeit“ par excellence – seit jeher einen innigen Dialog unterhält: die Freiheit von allen Zwecken, mit der Kant zu Beginn der Moderne die Funktion der Kunst definiert hat. Und die uns Künstler*innen jetzt einer erneuten Prüfung unserer eigenen Arbeit unterzieht: Kunst machen, ja klar, aber zu was noch mal …? Und für welche/wessen Freiheit …?

 

„…wenn Corona uns den Spiegel vorhält, während wir ihren großen Bruder, den Klimawandel, immer noch wie ein unwirkliches Gespenst behandelt haben. Corona erscheint mir wie ein kleiner Vorbote von dem, was noch auf uns zukommen wird.“

 

Wo befinden sich derzeit die Mitglieder Eures internationalen Ensembles?

Noch eine Woche vor Beginn unserer Proben haben wir die nervenaufreibende Situation gehabt, dass wir für drei junge kamerunische Tänzer*innen keine Visa hatten. Unsere Kommunikation ging bis auf höchste Ebenen der Politik, um die Kolleg*innen nach Deutschland holen zu können. Zu Probenbeginn erreichte uns dann ein Anruf von einem madagassischen Tänzer aus unserem Team, den man nicht aus der Wartezone des Pariser Flughafens rauslassen wollte, weil angeblich etwas mit seinen Dokumenten nicht stimmte. Vier Tage hat es gedauert, ihn mithilfe von Anwälten und unzähligen Kommunikationsschritten endlich wieder frei und zu uns auf die Proben zu kriegen. Und dann drehte sich mit Corona plötzlich die ganze Situation komplett um. In einer buchstäblichen Nacht- und Nebelaktion haben wir versucht, alle Künstler*innen aus Deutschland raus zu bringen, bevor die Grenzen schließen. Das hat mit viel Einsatz des Teams, auch des Ringlokschuppens, bei den meisten gerade so geklappt. Aber drei Personen sind Stand heute immer noch nicht heimgekehrt. Unser Partner Zora Snake sitzt derzeit in Brüssel fest, ein kongolesischer Tänzer hat es bis nach Kamerun geschafft, kommt aber jetzt nicht in den Kongo, weil Kamerun die Grenzen geschlossen hat. Und eine kamerunische Sängerin sitzt seit mehreren Tagen am Flughafen von Nairobi in Kenia mit lauter anderen Kameruner*innen fest, weil die kamerunische Regierung gerade keine Verantwortung dafür übernimmt, ihre Staatsbürger*innen zurückzuholen. Dass wir die Kolleg*innen erst nicht nach Europa rein und jetzt nicht mehr raus und zurück kriegen, das zeigt doch auf schmerzhafte Weise, wie sehr sich die Grenzpolitiken der Nationalstaaten aktuell in ihrer eigenen Ausschlusslogik und Negation der Frage, wer überhaupt noch wo dazugehören darf, verheddert haben. Die Hoffnung wäre, dass diese Logik in Zukunft überkommen wird, denn dass das so nicht ewig weitergehen kann, wird ja immer klarer. Wie Achille Mbembe sagt: „Es gibt nur eine Welt.“

 

„Dass wir die Kolleg*innen erst nicht nach Europa rein und jetzt nicht mehr raus und zurück kriegen, das zeigt doch auf schmerzhafte Weise, wie sehr sich die Grenzpolitiken der Nationalstaaten aktuell in ihrer eigenen Ausschlusslogik und Negation der Frage, wer überhaupt noch wo dazugehören darf, verheddert haben.“

 

Besteht die Möglichkeit, dass ihr die für dieses Frühjahr in Deutschland geplanten Vorstellungen nachholen werdet?

Das ist das klare Ziel. Wir arbeiten gerade daran zu schauen, wie es weitergehen kann, ob eine Verschiebung möglich ist. Dieses Projekt besteht seit fast drei Jahren, wir haben ein fantastisches junges Team, die Arbeit ist schon sehr weit fortgeschritten. Es ist schwer vorstellbar, das jetzt einfach alles abzublasen. Schon allein wegen der beschriebenen Erfahrungen selbst, die diese Arbeit mit sich gebracht hat. Wir stehen als Team gerade permanent in Kontakt, schreiben uns viel, überwinden das erzwungene „Social Distancing“ über alle Grenzen hinweg. So viel ist sicher: Wir haben eine Menge zu erzählen. Und loten jetzt mit allen Partner*innen & Förderern aus, wann und wie wir unsere Reise fortsetzen können.


Das Interview wurde am 23. März 2020 via E-Mail geführt.