PLACE INTERNATIONALE – Die 73 Tage der Commune oder der lange Wellenschlag der Revolution

20.08.2021

Reihe: Place Internationale


Das FFT eröffnet seine neue Spielstätte mit einem künstlerischen Stadtlabor

Eine Theatereröffnung als Neupositionierung im stadträumlichen Kontext; die Einweihung eines neuen Ortes der Versammlung für die Stadtbewohner*innen; ein Ort, der denjenigen zur Verfügung stehen soll, die selbstbestimmt Regeln und Formen künstlerischer und sozialer Interaktion mit Mitteln der Performance, der räumlichen Intervention und des Diskurses erforschen und erproben wollen: Anlässlich seines Umzugs stellt das FFT die gewohnten Routinen des Theaterbetriebs in Frage und verwandelt das neue Theater für 73 Tage in ein Stadtlabor, inspiriert von einer urbanen Revolution, die sich vor rund 150 Jahren in Paris zugetragen hat.

 

Im Ausgang des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 verwandelte der Aufstand eines großen Teils der Bevölkerung gegen die rechtskonservative Regierung Paris in eine befreite Stadt. Die Stadt wurde in neuer Weise als sozialer und öffentlicher Raum begriffen und die Pariser Commune schuf eine auf Selbstbestimmung basierende politische Kultur, die auch für heutige Fragen nach der Zukunft von Arbeit, Bildung und Kunst von Bedeutung ist. Der Raumtheoretiker Henri Lefebvre, der sich auf marxistischer Grundlage um die utopischen Potentiale des urbanen Raums bemühte, begriff die Commune als bislang einzigen Versuch eines revolutionären Urbanismus, der eine Kritik des Alltagslebens mit dem Kampf für ein Recht auf Stadt verbindet. Er beschrieb sie als „die größte Fete des Jahrhunderts und der neueren Zeit“, in der sich der Wille ausdrückte, das eigene Leben und die eigene Geschichte selbst zu gestalten, und zwar „nicht nur in Bezug auf politische Entscheidungen, sondern auch auf der Ebene der Alltäglichkeit.“

 

Zwischen Fest, politischer Aktion und alltäglicher Lebenspraxis changieren auch die Ereignisse vom 16. Mai 1871: Unter maßgeblicher Beteiligung des Malers Gustave Courbet, der heute als ‚Vater des Realismus‘ in den Lexika steht, ließ der Rat der Commune die Säule auf der Place Vendôme stürzen und nannte den Platz fortan Place Internationale. Aus einem Monument der napoleonischen Eroberungsfeldzüge, errichtet zum Ruhm der Sieger, gegossen aus den erbeuteten Geschützen der unterlegenen Feinde, wurde ein Ort, der für Völkerverständigung und gegen Militarismus stand. Nach der Rückeroberung von Paris durch die Regierungstruppen und der blutigen Niederschlagung der Commune wurde der alte Zustand umgehend wieder her- und die Säule wieder aufgestellt. Die Place Internationale war Geschichte, bevor ihre Geschichte überhaupt richtig angefangen hatte.

Von heute aus betrachtet stehen der Säulensturz und die Ausrufung der Place Internationale nicht nur für eine gescheiterte Hoffnung. Jenseits hohler Ideale wie Nation und Volk deutet dieser Vorgang auf neue und andere Formen der Bewegung und des Zusammenlebens hin, die ein Ausgangspunkt für zeitgenössische künstlerische, theore-tische und kuratorische Ansätze sein können. Das FFT nimmt den Namen Place Internationale für sein Eröffnungsprojekt am neuen Standort auf und lädt Künstler*innen, Theoretiker*innen und Gruppen ein, die Räume im KAP1 und die Umgebung im Bahnhofsviertel für eine Dauer von 73 Tagen zu erkunden und zu bespielen. Ihre verschiedenen Aktivitäten verknüpfen sich zu einem Programm, das künstlerische und politische Arbeit mit einer täglichen Lebenspraxis verbindet und im besten Fall zu einem Fest werden kann – so zumindest der Wunsch.

 

In Performances, Workshops, Interventionen, Ausstellungen, Experimenten, Exkursionen und Diskussionen werden Formen der Begegnung und der Kooperation über bestehende Arbeitszusammenhänge hinaus provoziert und ausprobiert. Dies betrifft nicht nur die Künstler*innen als Produzent*innen, auch das Publikum wird nicht auf die Funktion von Zuschauer*innen reduziert, sondern zur aktiven Beteiligung eingeladen und aufgefordert. Das FFT soll mit diesem Projekt als Produktionshaus eingeweiht und als Ort für gemeinschaftliches Produzieren in Betrieb genommen werden. Während der Zeit von Place Internationale wird das FFT jeden Tag geöffnet und die Teilnahme an allen Veranstaltungen kostenlos sein. ■


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Place Internationale wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes und von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien