18:00 Uhr
20.09.2019
00:00 Uhr
21.09.2019

Training für politische Vorstellungskraft: Posthumane Solidaritäten

30 Stunden Immersives Training
Siegmar Zacharias
Immersives Training
FFT Kammerspiele
Dauer: 30 Stunden // von Freitag, 20.9., 18 Uhr bis Samstag, 21.9., 0 Uhr
10€/6€ (erm.)

Ticket jetzt kaufen

Ist Solidarität eine Sache des Geistes oder des Herzens? Oder lässt sie sich physisch antrainieren, wie Ausdauer oder Kraft? Die Berliner Philosophin und Performancekünstlerin Siegmar Zacharias erforscht unsere körperlichen, organischen, nervlichen Potenziale an den Schnittstellen von Ethik und Poetik. Sie lädt Künstler*innen, Theoretiker*innen und das Publikum zu einem 30-stündigen Happening ein, in dem verschiedene Formen des kollektiven Denkens und Handelns ein gemeinsames Erfahrungswissen aktivieren, mit dem wir erforschen, was Solidarität heute sein könnte. Und während es Nacht wird und dann Tag und wieder Nacht, werden wir zusammen zuschauen, zuhören, tanzen, reden, essen und schlummern.

Poet(h)ik – Yes, We Can!

 

Mit: Loren Britton, Alice Chauchat, Sonja Jokiniemi, Verena Meis, Eva Neklyaeva, Eroca Nichols, Mithu Sanyal, Neha Chriss, Louise Trueheart, Jacob Wren, Yaron Maim und Miki Yui.


(NOT) SWALLOWING (Freitag, 18 – 24 Uhr)

 

Mithu Sanyal: Wie nähren wir die Seele unseres Gegenübers?
Talk und gemeinsames Kochen

 

Siegmar Zacharias: Drooling Lecture
Performance

 

Miki Yui: Listening Walk und „FLUX”
Spaziergang und anschließende Filmpräsentation

LISTENING (Samstag 0 – 7.30 Uhr)

 

Neha Chriss: Psychoacoustics
Konzert

 

Reading & Listening

 

Miki Yui: Listening before Awakening
Konzert

VIBRATING (Samstag 7.30 – 14 Uhr)

 

Loren Britton: Freundschaft und stoffliche Verbindung. 
Workshop und Talk

 

Frühstück

 

Eva Neklyeva
Talk

 

Neha Chriss: Einführung in die polyvagale Theorie
Workshop

 

Eroca Nichols: Nature Drag
Ritual

 

Mittagessen

ACCOMPANYING (Samstag 14 – 19.30 Uhr)

 

Sonja Jokiniemi: Mit Dingen Reden
Performance

 

Jacob Wren: Care, Nurturance Culture and Hypocrisy (Pflege, Zuwendungskultur und Heuchelei)
Talk

 

Alice Chauchat: Dance of Companionship
Workshop

 

Abendessen

ENTANGLING (Samstag 20 – 24 Uhr)

 

Sonja Jokinemi: N.N.
Talk

 

Verena Meis: Why don‘t you eat a jellyfish pizza?
Video-Lecture

 

Eroca Nichols: Elements
Workshop

 

Mehr zum Inhalt der einzelnen Programmpunkte findet ihr weiter unten.

Drooling Lecture – ist eine künstlerische Praxis, mit der Siegmar fluide Denkweisen erkundet zwischen der feuchten Akustik des Mundes und der Bedeutungsschöpfung des Sprechens. Sprechen bewegt sich zwischen Verflüssigung und Sedimentierung, so dass sich Partikel reorientieren und reorganisieren können. Für Posthumane Solidaritäten wird Siegmar die Verstrickung von Intimität und Entfremdung durch Speichelfäden spinnen. In Zusammenarbeit mit 80 Liter  Schleim.

 

Siegmar Zacharias arbeitet in Theorie und Praxis von Performance. Ihre Arbeiten entwickeln Performances und Formate der künstlerischen Forschung. Performance ist ihr Medium ökologischer, posthumaner, künstlerischer und politischer Praxis, in der unkontrollierbare Materialien wie Rauch oder Schleim, das Nervensystem Kollaborationspartner sind. Zuletzt sind so Arbeiten entstanden wie: „Drooling Lecture Series“, „Slime Dynamics“, „The Cloud: a cosmo-choreography made by animals, vegetables, minerals, humans, concepts and emotions.“, „Dirty thinking; invasive hospitality“, „THE OTHER THING“.
2018 erhielt sie ein TECHNE scholarship for excellency and inovative research, um ihrem künstlerischen Promotionsvorhaben zu einer feministischen posthumanen Poet(h)ik nachzugehen.


Freundschaft und stoffliche Verbindung
„Mein Beitrag zu ‚post-human solidarities‘ schafft und lädt Situationen ein für die Beschäftigung mit Knetmasse und Kartierung durch Spielen, Schmelzen, Definieren und Auflösen. Skulptur aus Knetmasse ist eine Einladung, Stimmungen zu formen, zu erkunden, welche Form zu welchen Farben passt, uns in Form von Miniaturskulpturen vorzustellen sowie das Material,  mit dem wir uns beschäftigen, mit uns gemeinschaftlich in Verbindung zu bringen. Ebenso beschäftigen wir uns mit der Frage, von wo aus es zu uns gekommen ist oder wohin es noch reisen wird. Diese Skulptur prägt Narrative durch den Aspekt des Handgemachten und durch unsere Verbindungen und unsere Kenntnis des Materials um uns herum.“

 

Loren Britton ist eine interdisziplinär arbeitende Künstlerin, Denkerin und Kuratorin, die sowohl in Berlin als auch in New York ansässig ist. Sie machen sich selbst verantwortlich für Fragen und Ideen rund um On-/Offline, Klasse, Kommunikationsweisen (Pädagogik) und intersektionalen Trans*feminismus. Sie spielen, indem sie mit der Materialität von Sprache auf eine visuelle und verkörperte Art und Weise arbeiten, Zustandsveränderungen mit Materialität(en), Trans*lation (Übersetzung), Lesen und Halten hervorbringen.


Alice Chauchats Methode des dance of companionship bringt seit 2014 Menschen in Bewegung. Es handelt sich um geführten Tanz, gerahmt und ergänzt durch das Schreiben von Gedichten. Texte verweben Theoreme des Tänzerischen mit Fragmenten über Formen des gemeinschaftlichen Erlebens. Eine Praxis des Zusammen- und Miteinander-Seins: mit Tanz, mit sich selbst, mit einander in achtsamer Distanz. Indem wir immer genauer kleinste Details fokussieren, entfernt sich unsere Begleitung – der Tanz – Stück für Stück von uns weg, über uns als Tänzer*in hinaus. Der Tanz wird zu unserer Begleitung und unserem Horizont; ein Partner, der unbekannt bleibt, uns herausfordert und entrückt.

 

Alice Chauchat (*1977) reflektiert in ihrer tänzerischen Praxis Politik und Ethiken des Anders- und Zusammenseins. Sie transformiert Komplexität und Erkenntnisse kollaborativer Praxen in Choreografien. Chauchat hat u.a. mit Anne Jure, Alix Eynaudi und Frédéric Gies Performances entwickelt und war an Arbeiten von Jennifer Lacey, Xavier le Roy und Juan Dominguez beteiligt. Sie hat an zahlreichen choreografischen Projekten und Plattformen über Wissens-Produktion und -Austausch in den performativen Künsten mitgearbeitet (everybodystoolbox.net, paf, praticable etc.). Von 2010 bis 2012 war sie an der künstlerischen Leitung des Laboratoires d’Aubervilliers beteiligt, einem Zentrum für künstlerische Forschung. Von 2017 bis 2020 hat sie eine Gast-Professur am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz Berlin (HZT) inne.


Einführung in die polyvagale Theorie
Reflexive und adaptive Prozesse innerhalb unserer basalen biologischen Verhaltensmuster, Nuancen sozialen Engagements, das subtile Zögern zwischen Risiko und Wagnis, Dominanz und Unterwerfung als Gegenpole unserer unbewußten physischen Existenz. Neha Chriss teilt aktuelle Beispiele ihrer Klang-Praktiken: geführte Meditationen über die Grundzüge der polyvagalen Theorie und eine Einführung in dekonstruierende Schall-Welten. Alle sind einbezogen mit verstärkten stimmlichen Beiträgen, Lesungen und Eindrücken ihrer Wahrnehmung, die nach Belieben (aus-)getauscht und angepaßt werden.

 

Neha Chriss ist multidisziplinäre Konzept- und Noise-Künstlerin. Ihre Forschungen in psychosonischer und polyvagaler Theorie – dem Zusammenspiel von Klang, Bewußtsein und neuronalen Prozessen – finden sich wieder in handgemachten Sound-Arbeiten und akustischen Begegnungs-Räumen. In live programmierten, autonomen Schall-Welten erkundet das Publikum neuartiges Erregungs-Terrain und die Grenzen der Wahrnehmung.


Künstlerische Praxis: Mit Dingen reden.
Verschiedene Materialien, Aktionen, Intimitäten, Bilder und Konstruktionen von klumpigen Objekten ergeben auf nicht-hierarchische Weise einen Vorschlag für andere Logiken und Sprachen.

 

Sonja Jokiniemi ist Choreografin, Performerin und bildende Künstlerin mit Sitz in Helsinki. Jokiniemi absolvierte den DAS Theatre (ehemals DasArts) MA-Studiengang in Performing Arts in Amsterdam 2013, davor mit Bachelor-Abschluss in zeitgenössischem Tanz am Londoner Laban Centre. Sie arbeitet transdisziplinär mit Forschungsinteressen an den Themen Ökologie und Strukturen der Sprache und des Denkens.


performance lecture
Salzige Streifen Jellyfish auf einer Pizza Margherita. An der Hotline die androgyne Stimme einer Tentakulären. Formationen von kaltem klarem Wasser auf Wand. Pizza – Poesie – Projektion.

 

Verena Meis ist Literatur- und Theaterwissenschaftlerin und Mitbegründerin des Qualleninstituts, das Quallen als postanthropozentrische und ökochoreografische Denkfigur für lukrative Allianzen der Gegenwart begreift.


Eva Neklyaeva ist Kuratorin mit Sitz in Helsinki. Eva beschäftigt sich mit Fragen der Freiheit und konzentriert ihre Praxis auf die Erforschung dieser Fragen in den Bereichen darstellende Kunst, Politik und Sexualität. In den letzten Jahren hat sie unter anderem das Santarcangelo Festival (Italien), das Wonderlust Festival und den Baltic Circle (Helsinki) kuratorisch begleitet.


„Nature Drag“ und/oder „Rocks don’t Apologize“ ist eine Praxis, die Robin Wall Kimmer, Professor für Umwelt- und Forstbiologie, als „Zeremonien der praktischen Ehrfurcht“ bezeichnet. Scham ist eine menschliche Erfindung. Wir könnten wir daran arbeiten, uns vom Mensch-Sein auszuschließen oder zu ent-finden – nicht um der Verantwortung zu entkommen, sondern als eine Praxis zur Erinnerung an die unzähligen Materialitäten, die wir verkörpern können. Mit greifbaren und praktischen Möglichkeiten, unsere sinnlichen Wahrnehmungen und Anpassungsfähigkeiten so einzusetzen, dass wir die Scham hinter uns lassen und uns gemeinsam in Zustände aktiver, absichtsvoller Ruhe zu begeben.

 

Eroca Nicols arbeitet derzeit als Tänzerin, Choreographin und Lehrerin, aber ihre facettenreiche Praxis stammt aus einer Familie von halb mystischen, nomadischen Wohnwagen-Leuten. Nicols hat jahrelang als Hausmeisterin gearbeitet, und einen BFA-Abschluss in Video-/Performance-Kunst und Skulptur vom California College of the Arts. Ihre Lehre, ihr Tanz und ihr Training sind stark beeinflusst durch das kontinuierliche Studium von Ritualen, Biomechanik und brasilianischem Jiu Jitsu.


Wie nähren wir die Seelen unseres Gegenübers?
Was wir essen, ist mehr als nur Nahrung. Es handelt sich um Information, Liebe, Gemeinschaft. Es handelt sich ebenso um eine Möglichkeit der Einbindung und der Ausgrenzung erwünschter und unerwünschter Einheiten – so, wie Insekten durch die mosaischen Gebote als Nahrung ausgeschlossen wurden, und wie sie jetzt zu einer Rückkehr auf unseren Esstisch ansetzen, oder wie in der Ablehnung ausländischer Speisen, einer Haltung, die sich zu Freude an der Exotik gewandelt hat. Essen ist Familie und ebenso eine Möglichkeit, die Welt zu erfahren. In Kinderbüchern nimmt das Essen die Rolle von Sex ein: Mitternächtliche Festmahle und Stürze von Ingwerlimonade. Und wir alle sind mit Essensritualen und tiefem Wissen darum groß geworden.
Diese performative Stück stellt eine Einladung zum Teilen dieses Wissens dar, eine Einladung, sich in die Geschmacksrichtungen und Ästhetiken der essbaren Welt zu vertiefen und diese Welt umzuformen zu etwas, das unsere Körper und Seelen ernährt.

 

Dr. Mithu Sanyal ist eine preisgekrönte Autorin, Rundfunksprecherin und Kulturgeschichtlerin. Sie arbeitet auf den Gebieten von Gender, Race und Sexualitäten. Unter ihren Büchern finden sich die kulturgeschichtlichen Titel „Vulva. Unveiling the invisible sex“ und „Rape. From Lucretia to #metoo“.


Louise begleitet die 30-stündige Performance als Autorin. Wie von Liane zu Liane schwingend arbeitet sie sich durch den Dschungel der Ereignisse. Zurückschauend und in der Zukunft landend wird das umfangreiche Dokument – handgeschrieben und stets sichtbar – Behälter für Fragmente aller Art und gleichzeitig eine Aufschichtung von Zeit.

 

Louise Trueheart ist Tänzerin und Schriftstellerin, deren eigene Arbeiten – Videos, Eins-zu-Eins-Performances und Bühnen-Shows – international gezeigt werden. Als Tänzerin hat sie mit zahlreichen Choreograf*innen  wie Asaf Aharonson, Cecile Bally, Alice Chauchat, Nikima Jagudajev und Tino Sehgal gearbeitet. Trueheart schreibt für Berlin Art Link und ist Chefredakteurin des Online-Magazins von COVEN BERLIN, ein queer-feministisches Kollektiv.


Jacob Wren wird über Kunst und Politik im Kontext einer Kultur der Sorge und Zuwendung sprechen – aber auch über die Absurdität (oder Heuchelei?) seiner speziellen Perspektive zu solchen Fragen. Mit Verweisen auf Bücher wie „Turn This World Inside Out: The Emergence of Nurturance Culture“ von Nora Samaran und „Emergent Strategy: Shaping Change, Changing Worlds“ von Adrienne Maree Brown spricht Jacob in seiner Lecture das an, was für ihn der wichtigste Punkt in unserem aktuellen politischen Moment ist – neben seinem eigenen Kampf, besser dafür einzustehen.

 

 

Jacob Wrens künstlerische Arbeit umfaßt Literatur, kollaborative Performances und Ausstellungen. Zu seinen Veröffentlichungen gehören u.a.: „Polyamorous Love Song“, „Rich and Poor“ und „Authenticity is a Feeling“.  Als  Mitbegründer und künstlerischer (Co-)Leiter der interdisziplinären Performance-Gruppe PME-Art war er maßgeblich u.a. an folgenden Produktionen beteiligt: „Individualism Was A Mistake“, „The DJ Who Gave Too Much Information“ und „Every Song I’ve Ever Written“.


MIKI YUI
(1971, Tokyo, Japan) artist, composer, musician based in Düsseldorf since 1994.
Multi-disciplinary artist, crossing the boundary of music, performance, drawing, and installation.
She investigates the grey zone of our perception, between the reality – imaginary. mikiyui.com


Yaron Maïm is an Berlin-based Swiss & French artist interested in transformation processes. Their practice develops new perspectives on the body with a strong sense of image-making and personal narrative. They will document „Posthumane Solidaritäten“ by using drawing techniques and the idea of reciprocity between the pages, the tools, the bodies and the duration.
www.yayamaim.com

 


Ein Projekt im Rahmen des Bündnisses internationaler Produktionshäuser, gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien.