20:30 Uhr
13.06.2019

Zweiter Versuch über das Turnen

Im Rahmen des Impulse Theater Festival 2019
HAUPTAKTION
Performance
tanzhaus nrw
Dauer: ca. 75 Min. / Deutsch mit englischen Übertiteln
Eröffnung: Eintritt frei. Reservierungen unter eroeffnung@impulsefestival.de

Das vollständige Programm des Impulse Theater Festival Showcase findest du hier.


Am Eröffnungsabend wird das Festival zum Turnfest. Acht Darsteller*innen führen auf der Bühne ein Schauturnen auf. Symmetrisch und synchron soll dieser deutsche Volkskörper sein – wer die Leibesübungen durch wiederholte Abweichung stört, muss gehen. Eine Inszenierung über die ambivalente Funktion des Turnens in der deutschen Geschichte.

 

Die Turnbewegung nahm ihren Anfang im frühen 19. Jahrhundert, als Friedrich Ludwig Jahn einen Geheimbund gründete, der sich für die Befreiung von der napoleonischen Besetzung und ein geeintes Deutschland engagierte – mit dem Turnen wollte er die deutsche Jugend auf einen Kampf gegen die Franzosen vorbereiten. 1811 turnte die Gruppe erstmals öffentlich, zwei Jahre später sollen zum ersten großen Schauturnen bereits zehntausend Zuschauer*innen erschienen sein. Im Lauf der Jahrhunderte fanden an verschiedenen als „deutsch“ markierten Orten Turnfeste statt: in Berlin, Frankfurt und Wien, in den afrikanischen Kolonien, im südamerikanischen Exil. Im Blick auf diese Veranstaltungen erscheint „Deutschland“ als imaginäre Gemeinschaft mit dem Schauturnen als Probe für die Zugehörigkeit, die durch Leistung erlangt, durch Versagen aber auch wieder eingebüßt werden kann.

 

In Zweiter Versuch über das Turnen treten die Mitglieder der Gruppe Hauptaktion als Anwärter*innen auf diese Zugehörigkeit auf. Unter dem strengen Auge einer Schiedsrichterin bringen sie die Choreografien der Turnbewegung zur Aufführung und verschneiden die Übungen mit einem Gang durch die Geschichte, die den „deutschen Körper“ immer wieder neu definiert. Von einer unbekannten Zukunft im Jahr 2028 über ein Turnfest, das 2017 unter dem Motto „Wie bunt ist das denn!“ stattfand, bis zum ersten Wehrturnen 1813 auf der Berliner Hasenheide.

 

HAUPTAKTION im Interview beim OpenMindFestivalRadio



Von und mit: Jonaid Khodabakhshi, Dennis Kopp, Quindell Orton, Jasmina Rezig, Hannah Saar, Isabel Schwenk, Julian Warner, Oliver Zahn. Technische Betreuung: Caroline Creutzburg. Assistenz: Nele Hussmann, Azeret Koua. Dramaturgie: Josef Bairlein. Gastspielbetreuung: Rat&Tat Kulturbüro. Eine Produktion von HAUPTAKTION. Koproduziert mit den Münchner Kammerspielen, SPIELART München, dem HAU Hebbel am Ufer Berlin, der Schwankhalle Bremen, dem Theater Rampe Stuttgart und ARGEkultur Salzburg. In Kooperation mit dem Pavillon Hannover. Gefördert durch die Landeshauptstadt München, den Bezirk Oberbayern, die Lotto-Sport-Stiftung Niedersachsen und TANZFONDS ERBE – eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes.


HAUPTAKTION ist eine künstlerische Forschungsgesellschaft um die Produzentin Hannah Saar, den Kulturanthropologen Julian Warner und den Theatermacher Oliver Zahn. HAUPTAKTION beforscht theatrale Praxen ethnografisch, archivbasiert und im verkörpernden Selbstversuch und veröffentlicht Texte, Theater, Vorträge. Bisher entstandene Theaterarbeiten sind unter anderem SITUATION MIT AUSGESTRECKTEM ARM (über die Kulturgeschichte der „Hitlergruß“-Geste) und SITUATION MIT DOPPELGÄNGER (über Minstrel Shows, kulturelle Aneignung und Imitation). Diese Arbeiten verstehen sich als theatrale Essays zwischen Choreografie und historischer Studie und werden international präsentiert. Der Name HAUPTAKTION ist der Praxis der deutschsprachigen Wanderbühnen entnommen.